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03.09.2019

Unternehmen müssen sich interessant machen

Heute bewerben sich Unternehmen bei den Kandidaten, sagen Arbeitsmarktexperten. Wie kommen Unternehmen an Auszubildende und Fachkräfte? Wie können sie im Wettbewerb um die Talente punkten? Darüber haben rund 30 Unternehmer und Experten beim RP-Forum „Attraktive Arbeitgeber“ diskutiert.

ZUSAMMEN mit der Rheinischen Post hatte die Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung dazu eingeladen, über die Kernfrage zu diskutieren, die Michael Grütering, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung, so formuliert: „Wie können sich Unternehmen auf einem Arbeitnehmermarkt so positionieren, dass man sie als attraktive Arbeitgeber wahrnimmt?“ Es gebe viele interessante Unternehmen, die man aber nicht kenne. Wie es mit dem Einsatz moderner Instrumente gehen kann, zeigt Grütering an einem Beispiel. Auszubildende hatten in einem auf Youtube präsentierten Video für die Lehre in ihrem Konzern geworben – eine Aktion, die den Juroren des Rheinischen Innovationspreises aufgefallen war. Den Preis vergibt die Unternehmerschaft jedes Jahr. Die Stadtwerke Neuss sind in der Region bekannt. „Wir haben kein Problem, Kandidaten zu finden“, sagt Stephan Lommetz. „Allerdings kennen die Menschen die Vielzahl der Ausbildungsberufe nicht, die wir anbieten.“ Auch dieses Unternehmen setzt nun darauf, dass Azubis ihre Arbeit vorstellen und damit Bewerber begeistern. „Wir haben einiges an positiver Resonanz“, bilanziert Lommetz erste Erfahrungen. Ähnliches berichtet Dr. Matthia Quellmelz-Gries (DKV Euro Service). Unternehmen könnten auch bei Auszubildenden mit Dingen punkten, die modernen Beschäftigten wichtig sind: flexible Arbeitszeiten, einem guten Arbeitsklima mit Firmenfeiern, Sportangeboten, Gesundheitsaktionen oder auch mit einem kleinen Geschenk zu Weihnachten und Ostern. Azubis einbinden – darauf setzt man bei Imerys Administrative Germany. Dort wirken die Nachwuchskräfte beim Einstellungsverfahren neuer Azubis mit, schildert Daniel Mayer. Lars Schittko (Clemens Kleine Dienstleistungen) merkt indes an: „Das hört sich alles toll an. Aber es muss auch bezahlt werden.“ Viele Unternehmen gerade in Dienstleistungsbranchen könnten sich keine teuren Aktionen leisten. Daneben seien aber auch grundlegende Themen wichtig, antwortet Dr. Matthia Quellmelz-Gries: „Man kann auch mit einer Unternehmenskultur und -führung, die von Wertschätzung, Fairness und gegenseitigem Respekt geprägt ist, für sich werben.“

Sogar Modernisierungen können anziehend für neue Mitarbeiter sein. Beim Sicherheitsunternehmen Securitas hat moderne Technik manche bislang von Menschen ausgeführte Tätigkeiten ergänzt oder ersetzt. Video- und Radartechniken eröffnen nun anspruchsvolle, attraktive und gut bezahlte Arbeitsgebiete, erklärt Daniel Schleimer. Zudem hat das Unternehmen 90 Mitarbeitern eine Weiterbildung zur Geprüften Schutz – und Sicherheitskraft ermöglicht. Nach bestandener Prüfung steigt bei ihnen auch das Gehalt.

Bei Baues Architekten übernehmen Azubis schnell Verantwortung und betreuen eigene Projekte, sagt Anna Nölle. Auch solche Möglichkeiten tragen dazu bei, als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. „Unternehmen müssen sich ihrer Stärken bewusst sein“, sagt Dirk Mandel (SKP Personal- und Managementberatung). Es könnten die eigene Charakteristik und das Wertegerüst – also auch die Ecken und Kanten einer Arbeitgebermarke – als Stärken vermarktet werden, was umgekehrt übrigens auch für Bewerber gelte. „Man muss authentisch sein und sollte nur das kommunizieren, was auch in der betrieblichen Realität gelebt wird.“ Erfolg mit einer solchen Strategie hat Tata Steel Germany. „Wir werben mit Tradition“, sagt Thorsten Eickhaus. Dazu gehören auch Werte wie Pünktlichkeit – offenbar gibt es nach wie vor Menschen, die dies zu schätzen wissen. In der Stahlbranche habe man aber generell das Problem, auf sich aufmerksam zu machen. „Wenn Kandidaten dann aber am Tisch sitzen, ist es einfacher, sie zu interessieren.“ Aus der Not eine Tugend machen auch die Stadtwerke Neuss. Vielen Bewerbern fehlen Kenntnisse, die früher vorausgesetzt wurden. So bietet das Unternehmen nun Unterstützung beim Erwerb von Führerscheinen oder Sprachkenntnissen an, erklärt Lommetz. Ganz früh setzt man bei Thyssenkrupp Aufzüge an. Das Unternehmen lädt Schüler aus der 9. Klasse in die Ausbildungswerkstatt ein. Dort können sie Tätigkeiten lernen, die in einer späteren Ausbildung vorausgesetzt werden, sagt Alexandra Kühne. „Wir müssen junge Menschen durch praktische Erfahrungen für unsere Berufe begeistern“, sagt Alexander Burstedde vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Der Arbeitsmarktforscher nennt das Beispiel einer Schülerin mit schlechten Noten, die erst in einem Praktikum ihre Liebe zur Metallzerspanung entdeckte – und später klassenbeste Auszubildende wurde. „Sich präsentieren, erlebbar machen, Aufstiegsmöglichkeiten zeigen“ – diese Maßnahmen empfiehlt auch Birgitta Kubsch-von Harten von der Agentur für Arbeit Düsseldorf. Und in anderen Teichen fischen: Die Arbeitsmarktexpertin nennt als Beispiel Studienabbrecher. Das sei eine große Klientel. Die Agentur berate und begleite Unternehmen hier. 43 Prozent der Studienabbrecher beginne eine Ausbildung, bestätigt Burstedde. „Neben hoch qualifizierten und studierten Mitarbeitern brauchen Unternehmen im produzierenden Gewerbe wie wir auch Mitarbeiter, die einfach Lust haben zu arbeiten und nicht primär eine Karriere anstreben“, merkt Linda Bühler (Wachtel GmbH) an. Wenig beliebt seien Mitarbeiter, die eine Karriere mit geringem Arbeitsaufwand anstreben, fügt Schittko hinzu, der es begrüßen würde, wenn die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt etwa durch kontrollierte Zuwanderung zunehmen würde. Unternehmen brauchen auch Unterstützung, sagt Bernhard Schmitz-von der Lohe von den Stadtwerken Neuss. Auch bei einfachen Qualifizierungen und schulischen Voraussetzungen gebe es teilweise große Probleme. „Das ist auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Unternehmen können dies nicht alleine schaffen.“ Auf der anderen Seite können auch Unternehmen etwas beitragen, ist Christoph Sochart von der Unternehmerschaft Düsseldorf und Umgebung überzeugt. „Wir bieten viele Kontaktmöglichkeiten für Unternehmen und Schüler an. Beispielsweise die Düsseldorfer Tage der Beruflichen Orientierung (berufsorientierungstage.de) und die Praktikumsbörse (deinschulpraktikum.de). Die Unternehmen können diese Möglichkeiten kostenfrei nutzen. Unternehmen finden hier viele Möglichkeiten, sich einzubringen.“ Robert Köpke von der Agentur für Arbeit Düsseldorf verweist auf Angebote im Bereich der Weiterbildung und Qualifizierung von Beschäftigten. Hier gebe es viel zu tun. Die Agentur informiert daher im Herbst in Veranstaltungen über die Möglichkeiten des Qualifizierungschancengesetzes. „Wir suchen hier den Kontakt zu Unternehmen, auch um positive Beispiele zu entwickeln.“ Unternehmen können auch auf andere Weise dazu beitragen, positiv auf sich aufmerksam zu machen – indem sie besser kommunizieren. Yurda Burghardt (Kerkhoff Experts) kennt Fälle, in denen Kandidaten nach einem Vorstellungsgespräch wochenlang nichts mehr hören. „ Ein guter Bewerbungsprozess zeichnet sich dadurch aus, dass er einfach, transparent und schnell abläuft. Unternehmen sollten aus der Sicht von Kandidaten denken und handeln“, rät die Personalexpertin. „Denn: Unternehmensattraktivität stellt sich vor allem über ein Gefühl ein. Und das entwickelt sich gleich beim ersten Berührungspunkt.“ Im Bereich Pflege, Erziehung und Rettungsdienste sieht Jasmin Schürgers (Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Düsseldorf) ein ganz anderes Problem: „Zeitarbeitsfirmen treten als neue Wettbewerber auf.“ Sie werben Fachkräfte ab, die unter Umständen andere Tätigkeiten übernehmen und der Branche insgesamt verlorengehen. „Wir müssen uns alle anstrengen, um Auszubildende und Fachkräfte zu finden“, fasst Michael Grütering die Diskussion zusammen. Einiges geschehe ja schon, zum Beispiel in der Berufsorientierung. Aber der Druck bleibt hoch, warnt Grütering: „Wir haben einen Arbeitnehmermarkt. Das können wir nicht ändern.“

Ausbilden, weiterbilden – alle müssen sich engagieren

Qualifizierung spielt eine wichtige Rolle, wenn es um die Fachkräftesicherung geht. Hier sind Unternehmen und Beschäftigte gefragt. Zumal die Digitalisierung die Arbeitswelt permanent verändert.

ARBEITSMARKTDATEN ZEIGEN, WOHIN DER TREND GEHT: Nachwuchs- und Fachkräfte sind ein knappes Gut. In Düsseldorf müssen schon rein statistisch die Unternehmen um Ausbildungskandidaten rangeln. Das Verhältnis beträgt eins zu 1,2. Auf einen Bewerber kommen 1,2 Stellen. In diesem Jahr kommt ausnahmsweise eine höhere Zahl von Schulabgängern auf den Markt. „Das ist aber untypisch und wird sich wieder drehen“, sagt Birgitta Kubsch-von Harten, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Düsseldorf, beim RP-Forum „Attraktive Arbeitgeber“. Die Arbeitsmarktexpertin kann vor dem Hintergrund dieser Zahlen die Unternehmer zu allen erdenklichen Anstrengungen ermutigen, junge Menschen zu gewinnen: „Die Auszubildenden von heute sind Ihre Fachkräfte von morgen.“ Dass es auf dem Arbeitsmarkt allgemein eng ist, zeigen die aktuellen Zahlen ebenfalls. Im Juli lag die Arbeitslosenquote wie im Vorjahr bei 6,6 Prozent, aber es waren mehr offene Stellen gemeldet. Unter Jugendlichen sind sogar nur 4,9 Prozent arbeitslos gemeldet. Zwar dämpfen die Konjunkturerwartungen derzeit ein wenig. „Um von einer Trendwende zu sprechen, ist es noch zu früh, jedoch lässt die Dynamik derzeit spürbar nach“, sagt Birgitta Kubsch-von Harten. Unternehmen müssen also einiges tun, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Die Agentur für Arbeit bietet ihre Unterstützung an, zum Beispiel bei der Gewinnung von Azubis. Auch wenn es darum geht, Arbeitslose in ein Beschäftigungsverhältnis zu bringen, helfen die Arbeitsmarktexperten. Unternehmen müssten mit Blick auf die demografische Entwicklung auch diese Potenziale ausschöpfen, sagt die Agentur-Chefin. Sie stellt zugleich fest, dass sich Unternehmen zunehmend dafür öffnen. „Immer wichtiger wird darüber hinaus die Qualifizierung der Beschäftigten“, betont Birgitta Kubsch-von Harten. Für Weiterbildung gebe es einen kontinuierlichen Bedarf. Das hat auch der Gesetzgeber erkannt – seit Januar ermöglicht das Qualifizierungschancengesetz neue Förderungen in der Weiterbildung. So gibt es einen Zuschuss zum Arbeitsentgelt und den Weiterbildungskosten. Die Experten der Agentur für Arbeit beraten dazu wie auch zu den zahlreichen Weiterbildungsangeboten und -möglichkeiten. Der Bedarf sei auch deswegen hoch, weil die Digitalisierung die Arbeitswelt permanent verändert, erklärt Birgitta Kubsch-von Harten. Strukturwandel in der Wirtschaft, demografische Entwicklung und die Notwendigkeit, sich ein Leben lang weiterzubilden, werden den Bedarf für entsprechende Maßnahmen auch künftig hoch halten, ist die Expertin überzeugt.

Rheinische Post 
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