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15.03.2011

Mauer des Schweigens

Nach Jahren der Transparenz geben sich Beratungsunternehmen verschlossen. Geschäftsverläufe werden geheim gehalten und neue Firmenstrategien nur verzögert bekannt gegeben. Hinzu kommt: Die neue Generation von Beraterchefs meidet die Öffentlichkeit.

Von Axel Gloger

In einigen Wochen ist es wieder so weit, dann bekommen die Beratungshäuser ihre Sternchen. Aber anders als beim Restaurant- und Reiseführer Guide Michelin sind diese Sterne nicht Bonus, sondern eher Malus. Eine Consultingfirma, die auf der Liste der Top 25 mit Stern erscheint, entzieht sich dem Auge der Öffentlichkeit: „Umsatz oder Mitarbeiterzahlen teilweise geschätzt“, wird Thomas Lünendonk, Herausgeber des jährlichen Berater- Rankings, bei 14 der 25 Dienstleister vermerken. Zwar gibt es kein Muss für Berater, über ihr Innenleben zu berichten. Eine strenge Publizitätspflicht gibt es nur für börsennotierte Konzerne. Aber das Schweigen der Branche ist ein Trend, der sich verstärkt: Gaben sich Consultinghäuser jahrelang transparent, wollen sie sich neuerdings immer weniger in die Karten schauen lassen. Ein Beispiel für die Politik der versiegelten Lippen liefert die Boston Consulting Group (BCG). Noch bis zum vergangenen Jahr erläuterte Deutschlandchef Christian Veith den Gang des Geschäfts in einem Jahresgespräch. In diesem Jahr änderte sich die Praxis: Bis auf einen knappen Text für die Presse schweigt die Nummer zwei am deutschen Markt. Der Inhalt dieser Mitteilung zeigt die neue Strategie des Rückzugs von der Bühne besonders deutlich: Über das ohne Zweifel beeindruckende gesellschaftliche Engagement ihrer Berater sagt BCG mehr als zum Verlauf der Geschäfte auf dem deutschen Markt. Auch zwei Interviewanfragen der FTD zum Thema ließ die Unternehmenssprecherin unbeantwortet.

BCG ist nicht das einzige Beratungshaus, das neuerdings Einblicke von außen abwehrt. Marktführer McKinsey nennt seit dem Amtsantritt von Deutschlandchef Frank Mattern keine Zahlen mehr. Roland Berger lud zwar im November 2010 zum Jahresgespräch, aber das wichtigste Thema wurde nicht besprochen: Die Tatsache, dass das größte deutsche Beratungshaus eine Fusion mit einem Wirtschaftsprüfer anbahnt, geriet Tage später nur auf Umwegen an die Öffentlichkeit.

Diese Nichtinformation hat System. „Alles geht in Richtung Fusion und Kooperation. Aber keiner will darüber reden“, sagt Malte Wilkes. Der Hamburger Consultant ist als Ehrenpräsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) langjähriger Insider der Branche. Zwar sei es richtig, nicht jede neue Strategie gleich in der Öffentlichkeit zu verhandeln. Aber in einer Wirtschaft, die mehr denn je auf Transparenz setze, sei das Verhalten manches Beratungsunternehmens ein Anachronismus.

Dabei hatte alles so schön angefangen. „Vor 15 Jahren begann die Öffnung der Beratungsbranche“, beschreibt Harald Ehren von der PR-Agentur Fischer-Appelt und Kenner des Marktes, wie die Consultants einst die Scheu vor dem Einblick ablegten. Die Anfangsjahre des Dotcom-Booms waren die große Zeit des gläsernen Unternehmens – und die Berater waren mit dabei. Die Großen der Branche bauten ihre Marke am Arbeitsmarkt auf, Chefs einzelner Häuser nahmen zu gesellschaftlichen Fragen Stellung und selbst kleine Consultinganbieter veröffentlichten Geschäftszahlen. Auch die extrem schweigsamen Personalberater machten mit bei der Öffnung. Die eigens als PR-Plattform gegründete Vereinigung deutscher Executive Search Berater (VDESB) trat mit Botschaften aus dem Headhunting an die Öffentlichkeit. Den Höhepunkt des Öffnungstrends setzte Marktführer McKinsey: 2002 brachte er ein eigenes Wirtschaftsmagazin auf den Markt. Mit „McK Wissen“ war ein Hochglanzblatt voller Beraterthemen an Zeitungskiosken zu bekommen.

Aber schon seit einigen Jahren haben viele Beratungsgesellschaften in Deutschland den Rückwärtsgang eingelegt. 2005 machten die Headhunter dicht: Der VDESB löste sich selbst auf, einen Nachfolger gab es nicht. Zwei Jahre später verschwand die publizistische Galionsfigur vom Markt: Nach 20 Heften knipste McKinsey in den Schreibstuben von „McK Wissen“ die Lichter aus. Überdies verschwanden nach und nach bekannte Consultants von der Bildfläche: Talkshowfähige Granden wie beispielsweise Jürgen Kluge (McKinsey), Tom Sommerlatte (Arthur D. Little), Roland Berger und zuletzt Hermann Simon (Simon-Kucher) beendeten ihre aktive Beraterlaufbahn. An ihrer Stelle amtieren nun Beraterchefs eines anderen Typus. „Markante Köpfe sind seltener geworden“, sagt Marktexperte Ehren. Die Neuen machen zwar einen guten Job, aber die Öffentlichkeit ist nicht ihr Ding. Sie kommen mal technokratisch, mal analytisch daher. „Für ihren Vertrieb verzichten sie auf die große PR. Ihr Sendekanal ist das Networking im kleinen Kreis“, sagt Insider Wilkes.

Nur eine Flut von Studien findet noch ihren Weg in die Medien, aber mehr Interesse an der Öffentlichkeit gibt es in manchen Häusern nicht mehr. Zudem ist die Zunft mit Selbstschau beschäftigt: Seit der Jahrtausendwende haben zwei Krisen Geschäft und Wettbewerbssituation verändert. Die Branche muss sich neu formieren. „In einer Transformation ist Öffentlichkeit eher störend“, sagt Wilkes vom BDU.

Das Geschäft der Berater ist seit Mitte der 90er- Jahre, als die Hinwendung zur Öffentlichkeit begann, von 7 Mrd. Euro um annähernd das Dreifache gewachsen. Interessanter sei es dadurch nicht geworden, ist PR-Berater Ehren der Ansicht: „Der Anteil der glanzvollen Strategieprojekte schwindet.“ Über die vielen reinen Umsetzungsprojekte redet man nicht so gerne.

Gegen Blenden und Lügen
Aber es gibt auch Ausnahmen. Kerkhoff Consulting gewährt Einblicke, die sonst selten zu haben sind. Der Beschaffungsoptimierer legt seit 2004 jährlich seinen Lagebericht vor, der für jeden einsehbar ist. Sein Inhalt geht über das hinaus, was handelsrechtlich erforderlich ist: So berichten die Düsseldorfer Consultants in seltener Offenheit über ihre Lage, wichtige Trends, die Personalsituation und die Risiken. Überdies werden Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung vorgelegt. Seit dem Geschäftsjahr 2009 gibt Kerkhoff Consulting einen Geschäftsbericht heraus. Warum so viel Transparenz? In der Branche werde viel geblendet und gelogen, sagt Inhaber Gerd Kerkhoff. Deshalb wolle er ein Zeichen setzen: „Kunden, Partner und Bewerber sollen wissen, wer wir sind und wo wir stehen.“ Er wolle niemandem etwas vormachen, sondern um Vertrauen werben. Wie es scheint, ist ihm das gelungen: „Wir bekommen extrem positive Resonanz auf den Geschäftsbericht“, sagt der Einkaufsberater.

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