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22.09.2011

Interview zum Thema Risikomanagement „Bei Agrarrohstoffen gibt es kein Angst-Szenario“

FRANKFURT (Dow Jones)--Die Verfügbarkeit von Agrarrohstoffen in ausreichender Menge, zu angemessenen Preisen sowie in gewünschter Qualität stellt ein zentrales Risiko für die Nahrungsmittelindustrie dar. Wie die Industrie mit diesem Risiko umgeht, erklärt Jürgen Pahl, Senior Partner bei Kerkhoff Consulting im Gespräch mit Dow Jones. Kerkhoff Consulting ist ein Beratungsunternehmen für Einkauf und Supply-Chain-Management und ein Schwerpunkt liegt in der Beratung der Lebensmittelindustrie.

 



 DJ: Studien belegen, dass gerade die Lebensmittel verarbeitende Industrie beim Thema Risikomanagement nicht besonders gut aufgestellt ist, vor allem, wenn es um die Absicherung von Rohstoffpreisen geht. Die Branche scheint hier tendenziell eher sorglos zu sein. Warum ist das so?

Pahl: Ich kann eine gewisse Sorglosigkeit bestätigen und führe sie darauf zurück, dass die Versorgung mit Rohstoffen, trotz der Unterversorgung in einigen Ländern, insgesamt
nicht gefährdet ist. Es gibt im Lebensmittel- bereich keine echte Verknappung von Rohstoffen, wie es beispielsweise bei Rohöl oder Seltenen Erden zu erwarten ist. Sollte es dann doch mal eine negative Bilanz bei einem Rohstoff geben, gibt es meistens eine Alternative auf dem Binnen- oder Weltmarkt, die die entstandene Lücke füllen kann. Es gibt hier also kein Angst-Szenario. Wichtig ist es jedoch, frühzeitig die Alternativen zu kennen, sollte es zu einer Verknappung bei bestimmen Lieferanten kommen. Denn nur so können Unternehmen dann schnell und möglichst kostengünstig reagieren. 

Dabei eignen sich doch gerade Angst-Szenarien theoretisch sehr gut dafür, um bei Lebensmitteln Preiserhöhungen durchzusetzen. 

Theoretisch ja. Es könnten Existenzängste geschürt werden, um Preisbewegungen anzukündigen. Allerdings sind es ja längst nicht immer die Agrarrohstoffe selber, die vielleicht teurer werden, sondern es hat häufig andere Ursachen wie steigende Energie- oder Verpackungspreise.

Wie überzeugen Sie Ihre Kunden, dass Risikomanagement — auch ohne Angst-Szenario — eine gute Sache ist?

Das wissen die meisten Unternehmen von alleine. Es gibt ja unterschiedliche Möglichkeiten von Risikomanagement beim Einkauf von Agrarrohstoffen. Das häufigste wird sicherlich in Form von Liefervereinbarungen zu bestimmten Konditionen sein. Die Vereinbarungen orientieren sich beispielsweise bei Marktteilnehmern aus der Milchindustrie an einem Milchpreisindex, der ihnen Orientierung bietet. Nach dem Motto: Wenn sich der Index verändert, passe ich auch meine Preise und meine Lieferkonditionen an. Das ist in der Regel transparent und nachvollziehbar. Man braucht dann nicht die Meinung Dritter. Eine Börse wäre hier beispielsweise der Dritte.

Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass die von der Deutschen Börse aufgelegten Futures auf Milchpulver und Butter nicht so angenommen werden, wie sich die Börse das wünscht. Es gibt also keinen Bedarf an der Absicherung an Börsen, da meistens alles fair verläuft und Indizes genügend Orientierung bieten?

Nicht unbedingt. Sobald jemand im Verlauf seiner bilateralen Verhandlungen das Gefühl hat, dass die Preise nicht marktgerecht sind, wird er andere Wege gehen, damit er die Elastizität der Preise wieder ausreichend abschätzen kann. Das kann dann auch mal die Börse sein. Dann gibt es im Saisonverlauf beispielsweise bei Obst und Gemüse natürliche Verknappungen. Diesen saisonalen Schwankungen können Sie nicht vorbeugen, in dem Sie sich Preise an den Börsen absichern, da diese Produkte nicht börsennotiert sind. Sie können aber mehr Geld in die Hand nehmen, damit sie die ersten sind, die beliefert werden und den Rohstoff damit bekommen.

Was tun Sie konkret für Ihre Kunden, wenn Kerkhoff Consulting in einem Unternehmen tätig wird?

Wir helfen ihnen, besser einkaufen zu können. Es mangelt den Unternehmen häufig an Transparenz für die eigene Marktposition. Es fehlt die Retrospektive: Wie bin ich aufgestellt? Manche Unternehmen geben Wertschöpfungspotenzial auf, vielleicht indem sie zu hohe Preise für einen Rohstoff zahlen. Kerkhoff gibt dieses Potenzial zurück, in dem wir aufzeigen, dass es diesen Rohstoff nicht nur um die Ecke, sondern auch an anderer Stelle gibt. Oder es kann auch der Fall sein, dass ein Unternehmen einen Rohstoff nicht mehr verwenden kann, da er sich preislich so weit weg entwickelt hat, dass der Kunde ein neues Geschäftsmodell auf Basis von anderen Rohstoffen benötigt. Auch dabei helfen wir.

Dann kann also ein Unternehmen wegen stark schwankender oder außergewöhnlich stark gestiegener Rohstoffpreise gar nicht insolvent gehen?

Nein, eigentlich nicht. Eine Insolvenz hat mit Sicherheit auch mit vielen anderen Faktoren zu tun — es wäre nicht richtig, hier nur die gestiegenen Rohstoffpreise verantwortlich zu machen.
Das Gespräch führte Sibylle Schmidt

 

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