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19.11.2014

Berater mit Bodenhaftung

Bei Unternehmensberatungen denken die meisten nur an Riesen wie McKinsey. Dabei ist die Branche mit 15000 Unternehmen in Deutschland viel facettenreicher. Besonders spezialisierte Beratungen genießen einen guten Ruf und bieten jungen Talenten früh Verantwortung und attraktive Arbeitsbedingungen.

 
 

Hinter gläsernen Wänden verrichten sie ihr Handwerk. Sie schleifen nicht an Möbeln, sondern an Folien. Dem wichtigsten Werkzeug der Berater. Was auf den Charts der Consultants weltweit zunächst nur eine theoretische Struktur ist, lebt später im Unternehmen auf. Sei es eine neue Produktlinie, ein besseres Kommunikationskonzept oder eine neue Markenpositionierung. Die vierte Etage des Bürokomplexes an der Düsseldorfer Königsallee sieht aus, wie man sich die Räume einer Unternehmensberatung vorstellt. In den transparenten Büros von Batten & Company stehen Designerleuchten. Das Unternehmen beschäftigt 80 Mitarbeiter, die auf Marketing und Vertrieb spezialisiert sind.

Alles ist geradlinig und wenn nicht weiß, dann dunkelgrau. Das ist aber auch schon alles Klischeehafte. Gegelte Schnösel gibt es hier nicht. Aalglatte Beratertypen suche man in diesem Unternehmen vergebens, sagt Managerin Vanessa Mertke. Das kommt auch gut bei den Kunden an. Wir sind Kollegen auf Zeit, mit denen man sich auch mal während des Projekts zum Essen trifft”, erzählt die 31.Jährige.

McKinsey, Boston Consulting, Accenture: große Namen, die fürs große Geschäft stehen und einen noch größeren Mythos in sich tragen. Diese Unternehmen mit Hauptsitz in Amerika sind die Archetypen der Branche. Dabei ist die Beratungslandschaft hierzu lande deutlich vielfältiger. Nach Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberatungen (BDU) gibt es etwa 15.000 Beratungsfirmen. Es sind nicht die Branchenriesen, sondern die kleinen und mittelgroßen Unternehmen wie Batten & Company, die mehr als die Hälfte der Beratungsleistung in Deutschland erbringen. Von der Ein-Mann-Firma bis zum Spezialisten mit 80,100 oder 150 Mitarbeitern. Alle Beratungen stehen im Wettbewerb um die besten Köpfe - immer öfter haben dabei die kleineren Beratungen die Nase vorn. Und das, obwohl sie es deutlich schwerer haben, auf sich aufmerksam zu machen. Einer der Hauptgründe dafür ist simpel: Viele Talente haben schlicht keine Lust mehr darauf, bis in die Nacht hinein zu schuften. Das Berufsbild des Unternehmensberaters hat für die Generation Y an Reiz verloren. Unter den 30 beliebtesten Arbeitgebern von Wirtschaftswissenschaftlern tauchen die großen Beratungen laut Trendence-Absolventenbarometer 2013 erst im Mittelfeld auf. Während sich viele Berufseinsteiger in der Industrie eine bessere Balance zwischen Job und Privatem versprechen, hoffen andere darauf, sie in mittelständischen Beratungen zu finden.

Eva Manger-Wiemann vermittelt bei dem Schweizer Unternehmen Cardea Berater an Unternehmen. Sie beobachtet: „In kleinen Häusern tritt der Berater viel stärker in den Vordergrund. Das wird von den Kunden auch so gewünscht. Sie wollen vor allem ausgereifte Persönlichkeiten, die fachlich versiert sind. Und die finden sie vornehmlich bei spezialisierten Consulting-Firmen.“ Klaus Reiners vom BDU pflichtet ihr bei: „Mehr als ein Doktortitel zählt in kleineren Häusern ein authentisches Auftreten, gepaart mit aus geprägter Handlungsorientierung.” Deshalb ist eine angenehme Persönlichkeit als Einstellungskriterium bei kleineren Beratungen durchaus üblich, Anpacken und mitdenken lautet das oberste Gebot. Ähnliches gilt auch wenige Hundert Meter von der Kö entfernt:
„Bewerber müssen schon ein bisschen mehr als nur Teamfähigkeit mitbringen. Wir wollen empathische und aufgeschlossene Persönlichkeiten in der Beratung”, sagt Jens Hornstein, stellvertretender: Geschäftsführer von Kerkhoff Consulting in Düsseldorf. Diese Beratung ist auf die Optimierung von Einkauf und Lieferketten spezialisiert.

Früh Verantwortung übernehmen

In mittelgroßen Beratungen sind die Chancen auf ein planbares Leben höher als in den internationalen Strategiehäusern – selbst wenn auch dort ein Arbeitstag selten kürzer als zehn, elf Stunden ist. „Die Reiseintensität ist in der Regel geringer und meist auf Deutschland oder einzelne Regionen begrenzt”, sagt Klaus Reiners vom BDU. Obwohl die Arbeitswoche für Jan Schelo in der Regel montagmorgens am Flughafen beginnt, weiß er diese Form von Beständigkeit seines Jobs zu schätzen. Er arbeitet seit knapp zwei Jahren bei Kerkhoff Consulting und ist dort direkt nach seinem Master-Abschluss an der Uni im niederländischen Maastricht eingestiegen. Mit seinem Team ist er stets für mehrere Wochen beim Kunden vor Ort - von der Analyse der Situation bis zur Umsetzung der erarbeiteten Verbesserungsvorschläge. Seine Auftraggeber sitzen im Schwarzwald, in München oder in Paris. „Freunde von mir, die für große Beratungen arbeiten, wissen montags nicht, was in der Woche auf sie zukommt”, sagt der 27-Jährige. Natürlich habe auch er sich umgeschaut. „Aber die Atmosphäre in anderen Beratungen habe ich persönlich als nicht so toll empfunden:’ Dennoch ist es mehr als das regelmäßige Fußballspielen mit den Kollegen, das ihn überzeugt hat. „Ich durfte schon nach einem Monat immense Verantwortung übernehmen. Das ist großartig. Jeder junge Berater hat einen Partner als Mentor, das ist sehr hilfreich, wenn Fragen auftauchen’, sagt Schelo. Gerade wenn ein Projekt beginne, sei es besonders stressig. „Dann kennen wir den Kunden noch nicht gut und müssen dennoch den Sachverhalt verstehen. Wenn wir dann in der Umsetzungsphase sind, ist der Druck nicht mehr so hoch”, sagt Schelo.

Für Manger-Wiemann, selbst ehemalige Beraterin bei Roland Berger, einer größeren unter den deutschen, mittelständischen Strategieberatungen, ist Eigenverantwortung das entscheidende Kriterium für den Einstieg in eine kleine Beratung. Dazu müssen sich Berufseinsteiger jedoch thematisch, etwa auf Marketing, Technologiethemen, Vertrieb oder Logistik, festlegen. Wer sich erst selbst noch orientieren muss und dazu viele Methoden und Anwendungsgebiete kennenlernen möchte, der sollte eher eine der großen Strategieberatungen für den Einstieg wählen”, sagt sie. In der Regel wird dort auch ein höheres Fixgehalt gezahlt. In einem Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 25 Millionen Euro beträgt es durchschnittlich 51200 Euro. Inder Umsatzklasse zwischen 5 und 25 Millionen Euro sind es 45600 Euro. Hinzu kommen variable Bezüge.

Was auf ihn im Job zukommen würde, wusste Kadir Dogan, 27, vor drei Jahren ziemlich genau. Er war ein halbes Jahr lang Praktikant bei Batten & Company. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt und konnte einen großen Nutzen daraus ziehen”, sagt er. „Learning on the job” nennt er das Prinzip, das sich nach seiner Anstellung fortsetzt. „Berufseinsteiger werden gut in ihr Projekt-Team integriert und können sich mithilfe der erfahrenen Kollegen weiterentwickeln.” Die Lernkurve sei extrem steil. „Wir erwarten von unseren Mitarbeitern ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Dadurch haben sie die Möglichkeit, früh eigenverantwortlich zu arbeiten. Aber dieser Freiraum ist eben auch mit viel Verantwortung verbunden“, sagt Zsuzsanna Almasdi, HR-Managerin bei Batten & Company. Auch Vanessa Mertke ist vor mehr als sechs Jahren über ein Praktikum eingestiegen. Das sei ideal. „Praktikanten wissen danach, wie der Job funktioniert, und wir sehen im Gegenzug, ob der Kandidat zu uns passt.”

Heute ist die 31-Jährige Managerin und ziemlich weit oben auf der unternehmensinternen Karriereleiter angekommen. Während Frauen in kleinen Beratungen 15 Prozent der Leitungsfunktionen besetzen, sind es in den großen Häusern nur vier Prozent. Es ist eben noch immer nicht der familienfreundlichste Job. Dennoch bemühen sich die kleinen Unternehmen, Talente an sich zu binden. Bei Kerkhoff Consulting haben gerade einige Väter Elternzeit beantragt. „Früher war das ein No-Go’ sagt Hornstein. Heute versuche die Beratung im Rahmen ihrer Möglichkeiten flexibel zu sein. Die Grenze ist immer dann erreicht, wenn der Kunde unzufrieden wird. Eine bunte Krabbeldecke im gläsernen Büro wird deshalb wohl vorerst nicht zur Gewohnheit werden.

Text: Hanna Ziegler

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