08.09.2010

Von der Hand in den Mund

Engpässe bremsen die Solarbranche aus. Ausrüster und Hersteller können nicht alle Aufträge rechtzeitig erfüllen. Was reinkommt, wird sofort verbaut.

Von Claudius Semmann

Bei dem Solarhersteller Conergy sind die Auftragsbücher voll. Die Hamburger fahren derzeit die eigene Produktion auf maximaler Auslastung. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot“, teilt das Unternehmen gegenüber LOG.Kompass mit. Und alles sieht danach aus, dass sich dieser Trend in den nächsten Quartalen fortsetzen wird. Mit Hilfe externer Fertigungspartner will Conergy demnächst der verstärkten Nachfrage noch besser begegnen.

Die Solarbranche erlebt ein Ausnahme- Jahr. Die kürzlich von der Bundesregierung und dem Bundesrat beschlossene Kürzung bei der Einspeisevergütung heizt die Nachfrage noch einmal an. Im ersten Halbjahr wurden laut des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) in Deutschland fast so viele Anlagen angeschlossen wie im gesamten vergangenen Jahr. Eine exzellente Situation, könnte man meinen. Doch der Boom belastet die Supply Chains. Es herrscht Mangelwirtschaft.
 
Die Lieferschwierigkeiten der Vorlieferanten haben in diesem Jahr dramatische Dimensionen angenommen. So rechnet Conergy bis Ende 2010 mit anhaltenden Lieferengpässen. Bei den Wechselrichtern könnten sich diese bis 2011 hinziehen, heißt es. Ohne dieses Bauteil kann eine Solaranlage nicht ans Netz angeschlossen werden. Auch andere Solarfirmen beklagen den Mangel.

Die hohe Nachfrage ist einer der Gründe für die Engpässe. Hauptursache ist aber die weltweit starke Verknappung von Halbleitern und Elektronikbauteilen. Einige Solarfirmen können daher zugesagte Lieferungen nicht einhalten, wie LOG.Kompass aus Branchenkreisen erfuhr,
Die Halbleiterindustrie hat ihre Kapazitäten in der Krise zurückgefahren. Nun sind viele der notwendigen Bauteile knapp. Zudem werden die Chips auch in anderen Branchen wie der Automobil- oder der Unterhaltungselektronikindustrie dringend benötigt.

Weltweiter Marktführer bei den Wechselrichtern ist die Firma SMA Solar Technology aus Niestetal bei Kassel. Das Unternehmen hat seine Jahresproduktionskapazitäten im zweiten Quartal 2010 verdoppelt. „Die Situation im Halbleitermarkt hat sich in den vergangenen Wochen leicht verbessert“, teilt die Pressestelle mit. Dieser Trend scheine sich aus heutiger Sicht zwar in der zweiten Jahreshälfte fortzusetzen. Doch von einer umfassenden Entspannung der Lage sei nicht auszugehen. Wichtige Komponenten würden noch immer nicht in den benötigten Mengen geliefert. „Der Ausbau der Kapazitäten in der Halbleiterindustrie geht nur schleppend voran“, beklagt man bei dem Wechselrichterhersteller. Die betroffenen Industriezweige müssen also weiter mit längeren Lieferzeiten rechnen. Und SMA kann seine neu ausgebauten Kapazitäten noch immer nicht voll nutzen.

Die Solarwirtschaft hat seit jeher mit starken Schwankungen zu kämpfen. Der Markt ist sehr politikgetrieben und die Branche abhängig von den Förderprogrammen der Absatzländer. Die Logistiker müssen also das Wachstum managen - die Lieferfähigkeit und Liefertreue - und dürfen bei allem nicht die Flexibilität aus den Augen verlieren. Gleichzeitig hat bei den Zellen und Modulen - bei Wechselrichtern und anderen Komponenten ist Deutschland immer noch führend - die Konkurrenz aus Nordamerika und China stark aufgeholt. Dies auch aufgrund ihrer Effizienz. Und ein Preisverfall durch den Bau neuer Produktionsstätten, vor allem durch die chinesischen Hersteller, ist programmiert. Schon bald werde es zu einem Käufermarkt mit hartem Preiswettbewerb kommen, sagen Experten.

Die Gewinnmargen sind in der Krise deutlich eingebrochen: von durchschnittlich 15 bis 20 Prozent auf teilweise unter 10 Prozent, weiß Solarexperte Hans Kühn von der Beratungsfirma PRTM. „Da reicht es nicht mehr aus, nur die Stückkosten zu betrachten.“ Kühn habe aber beobachtet, dass die Supply-Chain-Kosten und Logistikprozesse immer stärker in den Vordergrund der noch jungen Branche rücken. Bei Conergy spricht man sogar von einem „Instrument zur Differenzierung im Wettbewerb“.

Die Lieferketten zum Kunden sind in der Branche modern strukturiert. Dabei wird bereits häufig auf externe Dienstleister zurückgegriffen. Doch Mängel in der Versorgungslogistik behinderten das Wachstum, bestätigt Jens Hornstein, Solarexperte von Kerkhoff Consulting. Die Solar-Lieferketten seien häufig noch nicht auf extreme Situationen vorbereitet. Der Grund: Viele Lieferanten engagieren sich erst seit kurzem in dem Segment. Sie müssen erst lernen, die Prozesse auf die Marktbedingungen abzustimmen. „Hier sind die Hersteller von Solarzellen und Wechselrichtern gefordert, die Lieferantenentwicklung zu steuern“, betont Hornstein. Die Lage wird sich auch seiner Meinung nach erst 2011 entspannen, wenn neue Kapazitäten im Bereich der Elektronikbauteile auf den Markt kommen.

Die Globalisierung der Branche schreitet unterdessen weiter voran. Viele Solarfirmen bauen bereits Fabriken in Asien und Nordamerika. Hier wird es darauf ankommen, diese globalen Produktionsnetze effizient zu koordinieren.

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